Wenn es Kreuzbergs älteste Boygroup krachen lässt: Das Oberkreuzberger
Nasenflötenorchester
VON ANTJE HILDEBRANDT
"Bohemian Rhapsody ist das unambitionierteste Rockstück aller Zeiten.Wir
wollten noch
perfekter sein als Queen." (MC Westbemme, Mitbegründer des Kreuzberger
Nasenflötenorchesters)
Der Punk ist gar nicht tot. In der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg,
dort,
wo Anwohner am 1. Mai damit rechnen müssen, dass ihnen Steine um die Ohren
fliegen, wo man in Plattenläden noch kratzerlose Scheiben von Iggy Pop
ausbuddeln kann, wo Hunde die schönsten Readymades auf dem Fußweg
hinterlassen (und kein Schwein bleibt stehen), wurde er am vergangenen
Sonnabend noch lebend gesehen.
Wie man hört, geht er in einer Galerie ein und aus. Ihr Name ist Programm:
Im "endart" ist die Kunst wenn nicht auf den Hund, so doch auf den
Hasen
gekommen. Das Schlappohr hängt ganz hinten, an ein Kreuz genagelt, in einem
düsteren Kabuff neben der Küche. Der Ausstellungsraum ist zwar hell
erleuchtet, aber nahezu leer, abgesehen von zahllosen Bierflaschen (leer)
und einer Handvoll Männer. Sie benehmen sich irgendwie merkwürdig.
Einer hat den Kopf weit in den Nacken gelegt, die anderen halten sich die
Hand vor die Nase. Es sieht aus, als litten sie unter chronischem Nieszwang
oder als würden sie etwas schnupfen, bewusstseinserweiternde Drogen oder
weiß der MC Westbemme was. So nennt sich der Betreiber dieser Galerie,
ein
schöner Mann mit feingliedrigen Händen und einer Nase, beinahe so
lang wie
die von Pinocchio.
Jeden Sonnabend, wenn die Sonne untergeht in Kreuzberg, lädt dieser MC
Westbemme seine Kumpels ein. Da ist der Gottschalke, ein blonder Schlaks,
der schon im zerschlissenen Wollpullover zur Welt kam, was die Berufswahl
dahingehend einschränkte, dass er heute Fußballspiele im Internet
kommentiert. Da ist Hanns-Martin Slayer, ein nickelbebrillter Poet, der
irgendwann entdeckte, dass das geschriebene Wort nicht ausreicht, um sich
Gehör zu verschaffen. Dass man auch dorthin gehen muss, wo es wehtut.
Da ist Grotto Schlechto, auch bekannt als der ewige Praktikant. Ein
rehäugiges Sensibelchen, das glücklicherweise Psychologie studiert
hat, was
nicht schaden kann, wenn man sich ständig am Rande des Hörsturzes
bewegt.
Und dann ist da noch der naseweise Snotty, der als Medienbeobachter als
einziger einer geregelten Tätigkeit nachgeht und deshalb auch keinen Grund
hat, seinen bürgerlichen Namen zu verheimlichen. Oder, Christoph Sippel?
In der Galerie "endart" brauchen sie sich nicht zu verstellen. Man
muss sich
diese Bande als eine Selbsthilfegruppe für Männer vorstellen, die
nicht
erwachsen werden wollen. Oder als eine Party für gereifte Herren, die,
wenn
auch nicht alle ihre Haare, so doch die Lust an der Rebellion behalten
haben. Der Punk, lehren die letzten, noch lebenden Vertreter dieser Spezies,
hat eben zwei Gesichter. Es kommt immer darauf an, von welcher Seite aus man
ihn betrachtet.
Sich ihm akustisch zu nähern, ist da schon härter. Öffnet man
die Tür zur
Galerie "endart", möchte man sie am liebsten gleich wieder schließen.
Kreuzberg pfeift - in dieser Galerie buchstäblich auf dem letzten Loch.
Das
also ist das berühmte Nasenflötenorchester, das kommt dabei heraus,
wenn es
Kreuzbergs älteste Boygroup noch einmal richtig krachen lässt: Kuschelrotz.
Es ist ein schrilles Trörö, wer genauer hinhört, erkennt sogar
eine Melodie.
"Je t'aime", "My way" oder "Eloise". Evergreens,
die schon im Original nur
schwer zu ertragen sind. Und deren Titel leicht verfremdet wurde, um Ärger
mit den Namensrechten zu vermeiden. So wird aus Serge Gainsbourgs "Je
t'aime" "Joch Esel Hüh", und Queens "Bohemian Rhapsody"
verwandelt sich in
die "Homophobian Elegy."
Ein akustisches Gewitter, nicht immer mit reinigender Wirkung
Gottschalke brummt: "Was Queen können, das können wir auch.
Und zwar
besser." Das ist natürlich gelogen. Wenn sich die Herren eine Schnulze
vorknöpfen, um sie zu recyceln, dann mit dem Ziel, das Original noch an
Scheußlichkeit zu toppen. Macht kaputt, was Euch kaputt macht. Und zieht
den
Leuten dann die Ohren lang.
Ein Konzert mit den Nasenflöten, das ist ein akustisches Gewitter. Nicht
immer entfaltet es reinigende Wirkung. Nachhören kann man das auf ihrer
zweiten CD Stille Tage in Rüsselsheim , erschienen im Versand 2001. Für
dieses gereifte Spätwerk haben sich die Herren an einen Hit gewagt, der
nach
all den Jahren doch schon ein bisschen mit den Zähnen knirscht. "Fever"
von
Elvis. Dass wenigstens die Coverversion über den nötigen Biss verfügt,
verdanken die Nasenflöten ausgerechnet einem Mann, der inzwischen auch
schon
einen ganz schön langen Bart hat: Harry Rowohlt.
Der hat sich unlängst als Fan der Nasenflöten geoutet. Ein Bruder
im Geiste,
auch er. Und deshalb konnte er nicht nein sagen, als ihn die Jungs fragten,
ob er einen Beitrag zum akustischen Umweltschutz leisten würde. Und so,
erzählen die Jungs, hätten sie sich plötzlich in Rowohlts Wohnzimmer
wiedergefunden und zu fünft mit den Fingern geschnipst, das Aufnahmegerät
auf den Knien. Schnell und schmerzlos musste es gehen, das sei die einzige
Bedingung gewesen, erinnert sich MC Westbemme. "Um 11.20 Uhr waren wir
da -
und um 12 Uhr musste Harry schon zu seinem Stammtisch."
MC Westbemme schmunzelt. Die richtig schönen Dinge im Leben kann man sich
eben für kein Geld der Welt kaufen. So gesehen hat sich die Investition
in
seine erste Nasenflöte längst rentiert. Gekauft hat er sie 1991 für
eine
Handvoll Groschen in einem Berliner Musikgeschäft. Sein Freund Hanns-Martin
Slayer, so will es die Legende, litt damals unter einer posttraumatischen
Belastungsstörung, die daher rührte, dass er eigentlich davon träumte,
Musiker zu werden, dass ihm der Blockflötenunterricht seiner Kindheit aber
den Spaß am Musizieren nachhaltig verdorben hatte.
Die Nasenflöte sollte ihm helfen, sein Trauma zu überwinden. Man
nennt sie
auch das Didgeridoo des kleinen Mannes, ein daumengroßes Instrument, das
vermutlich schon anno Tobak von Andenhirten aus Holz geschnitzt wurde und
das man heute für 1,20 Euro in gut sortierten Spielzeug- und Musikläden
bekommt. Es wird zwischen Nase und Oberlippe geklemmt. Man bläst in das
obere Loch und moduliert die Luft mit dem Mund. Das ist gar nicht so leicht,
wie es sich anhört. Bei Anfängern klingt es, als habe ihnen jemand
die Luft
aus dem Reifen gelassen. Pfff.
Dagegen verstehen die Oberkreuzberger ihr Handwerk. Tuten und Blasen, das
ist eben eine Schule für sich. Ein bisschen klingen die Nasenflöten
wie jene
aufgerollte Tröten für Kinder, die sich in die Länge ziehen,
wenn man
hineinpustet. Tröööööööööt. Nicht
unähnlich einem Kanarienvogel auf Trip.
Man darf so etwas natürlich nicht laut sagen, obwohl von robuster Natur,
reagieren die Herren dünnhäutig auf Kritik. Und so fühlt sich
Hanns-Martin
Slayer genötigt, ein Loblied auf ein eher popeliges Instrument zu brummen:
"Tief wie eine Blockflöte - und in den oberen Bereichen kommt eine
gewisse
Erotik auf."
Da scheint etwas dran zu sein. Ihre Konzerte in ihrer Stammkneipe, dem
"Blauen Affen" in Neukölln, werden gelegentlich auch von Frauen
besucht, was
schon insofern ungewöhnlich ist, als die Musik normalerweise eher
Biertrinker anspricht. Ohne Hopfen und Malz geht es auch auf der Bühne
nicht. Grotto Schlechto, der ewige Praktikant sagt: "Flöten macht
Saudurst."
Es hat jedoch lange gedauert, bis die Jungs Freiwillige fanden, die bereit
waren, sich auf ihr musikalisches Experiment einzulassen. Kennengelernt
hatten sie sich schon Ende der achtziger Jahre unter dem Dach der Partei der
extremen Mitte, der KPDRZ (Kreuzberger patriotische Demokraten/Realistisches
Zentrum). Damals einte sie die politische Forderung nach einem
Nachtflugverbot für Pollen. Dieser kleinste gemeinsame Nenner sollte sich
bis heute als tragfähiges Fundament erweisen.
An ihren ersten Auftritt 1991 bei einem Benefizkonzert der Berliner Sängerin
und Autorin Françoise Cactus (Stereo Total) erinnert sich MC Westbemme
mit
Schrecken: "Wir haben zu neunt einen Song von Madonna gepfiffen. Jeder
kämpfte gegen jeden. Es war furchtbar." Inzwischen haben die
Original-Kreuzberger ihren Klang perfektioniert, wozu der Einsatz eines
A-Cappella-Basses nicht unwesentlich beigetragen hat, als Gegengewicht zum
Sinuston. Dergestalt kann man das Pfeifen im Walde inzwischen auch auf
europäischen Ethnomusikfestivals hören. Den Gipfel ihrer Karriere
wollen die
Original-Oberkreuzberger in diesem Jahr erklimmen. "Wir würden gerne
die
deutsche Nationalhymne zur Eröffnung der Fußball-WM blasen",
sagt MC
Westbemme. "Nee, lieber zum Endspiel", widerspricht Gottschalke.
Dass sie sich zu ihrem 15. Geburtstag selber eine neue CD schenken wollen,
das immerhin ist schon beschlossene Sache. Eine Plattenfirma gibt es noch
nicht, dabei ist das Magnum Opus schon fast eingespielt, Dieter Bohlen und
Xavier Naidoo werden auch diesmal vergeblich auf den Ritterschlag warten.
"Völlig schmerzfrei", sagen die Jungs, während sie das x-te
Bier an diesem
Abend zischen, "völlig schmerzfrei sind wir nicht."
Flötentöne ~ Kreuzbergs Pfeifen gehen auf Reisen: Am 18. März
tritt das
Nasenflötenorchester beim Internationalen Literaturfest litcologne in Köln
auf. Einen Tag später beglücken sie die Gäste des Frühschoppens
im AJZ
Bahndamm in Wermelskirchen. Am 19. April gibt es das nächste Heimspiel:
in
Berlin-Neukölln, im "Blauen Affen".
Die Galerie "endart", Heimstatt der Kreuzberger Nasenflöter,
steht nach 25
Jahren vor dem Aus. Deshalb gibt es am Freitag, 3. März, um 22 Uhr in Berlin
in der "Maria am Ufer" ein Benefizkonzert. Neben den Nasenflöten
treten auch
Stereo Total, Boy from Brazil und Cobra Killer auf.
Frankfurter Rundschau, 02.03.06