Rotz'n'Roll Artificielle, ein guter Riecher für Coverversionen oder die älteste Boygroup der Welt?

Das Original Oberkreuzberger-Nasenflötenorchester Der Grindchor bläst den Zapfenstreich.

Die Nasenflöte ist ein primitives Blasinstrument, nicht mehr als ein künstlicher Kanal zwischen den Hohlräumen des Rachens und der Nase mit einer schmalen Öffnung, an der sich austretende Luftverwirbelungen schneiden. Sie wurde vermutlich von pfiffigen Andenhirten ersonnen und ist mittlerweile für ein paar Pfennige im gutsortierten Spielwarenhandel erhältlich. Die musikalischen Möglichkeiten dieses Instruments überschreiten kaum die des gemeinen Gepfeifes mit geschürzten Lippen: Ein präzises Anstimmen von Tempo und Höhe der Pfeiftöne ist nahezu unmöglich.

Der Nasenflötist verfügt aber aufgrund des erweiterten Resonanzvolumens über einen größeren Dynamikspielraum - mit einer popeligen Nasenflöte lassen sich selbst gestandene Konzertposaunisten in Grund und Boden trällern. 1991 erkannte der von der Wiedervereinigung nachhaltig traumatisierte Misanthrop Hanns Martin Slayer, der auch als Herausgeber des momentan brachliegenden Boulevardfanzines »Super!Bierfront« seine Nase in Sachen steckt, die ihn nichts angehen, in der eigenartigen Plastikverlängerung des Riechkolbens die Kreuzberger Antwort auf das Mixturtrautonium, gründete mit seinem Saufkumpan Goldie Broiler das Nasenflötenorchester und schuf so ein Sozialgehege für gestrandete Westberliner Mittdreißiger. Schnell wurde aus dem Duo ein sechs- bis zehnköpfiges Ensemble, je nachdem, wer gerade nichts besseres vorhatte.

Die ursprüngliche Idee, die größten Erfolge zeitgenössischer Grindcorebands ausschließlich mit dem Didgeridoo des kleinen Mannes nachzuzspielen, erwies sich jedoch schon bald als nicht praktikabel: Der Grindchor scheiterte trotz manischer öffentlicher Proben kläglich an den Double Bass-Gewittern der Vorlagen von Carcass und Napalm Death. Deshalb wühlte sich die Rotzlöffel-Combo tief in die Mottenkiste der Trivialkultur und sattelte um auf werksgetreue Coverversionen von sentimentalen Schlagern (»Tränen lügen nicht«), Rockklassikern (»Chirpie Chirpie Cheep Cheep«), Synthie-Hits (»Popcorn«), Arbeiterkampfliedern (»Lied der Schlümpfe«) und Kirchentags-Oldies (»Danke«). Angestachelt von künstlerischen Erfolgserlebnissen und von kreischenden Fans strapazierte der Grindchor die Gesichtserker mit immer komplexeren Arrangements: Mittlerweile gehören naseweise Interpretationen von »Homophobian Elegy« und neuerdings auch von »Child in Time« zum Repertoire der Bazillenrocker. Auf ihren ersten Tonträger »Kuschelrotz« sollen weitere Konzept-EPs folgen: »In den nächsten Jahrzehnten werden wir alle Musikgenres, die es gibt, abarbeiten. Das ist unsere Lebensaufgabe.«

Trotz frenetisch gefeierter Auftritte - einsamer Höherpunkt war die spontane Jamsession mit einer indigenen Pfeifenkapelle aus dem Amazonasgebiet beim Festival »Pfeifen im Walde«, einem Ableger der Luzerner Musikfestwochen - und kaum zu bewältigender Mailorders lassen sich Rüsselakrobaten nicht von Sellout-Versuchungen an der Nase herum führen. Majorangebote schlugen sie (bisher) konsequent aus, auch für die Vorausscheidung zum Grand Prix d'Eurovision standen sie aus grundsätzlichen Erwägungen nicht zur Verfügung. Da sieht man es ihnen gerne nach, wenn sie hin und wieder durch übelstes Rockstargehabe auffallen wollen: Bei einer SFB-Fernsehshow posierte der regressive Männerbund mit provokativen »Mir stinkt's«-T-Shirt-Aufdrucken und zertrümmerte vor laufender Kamera seine Instrumente.

Rotz on!

»Kuschelrotz«, das Debut von Das Original Oberkreuzberger Nasenflöten-Orchester: Der Grindchor, ist bereits auf Human Wreckords erschienen.

Heiko Zwirner, Spex Online
 
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